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Der Tod des Henkers

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1. Die Geschichte
Am 8. Jänner 1939 annektierten die Herrenmenschen die äußeren Randgebiete des Reiches der Untermenschen. Dort wohnten nämlich auch Herrenmenschen, die die Truppen des Großen Diktators zu Hilfe gerufen hatten, weil sie sich vor den Untermenschen fürchteten. Nach der Annexion mußten die Angehörigen der unterwertigen Rasse in das verbliebene Restland der Untermenschen flüchten, bei der Flucht war es ihnen verwehrt, Hab und Gut in ausreichendem Maße mitzunehmen.
Am 15. März 1939 marschierten die Truppen des Großen Dikatators in das verbliebene Restgebiet der Untermenschen ein.
Als Reichsprotektor setzte die Machthaber der ehrwürdigen Rasse einen alten Adeligen ein, der jedoch als verweichlichter Schwächling galt, weil er den Widerstand der nichtswürdigen Rasse nicht brechen konnte. So ereigneten sich im ganzen Lande Sabotageakte, vor allem bei der Eisenbahn – die Züge der Herrenmenschen wurden verspätet abgefertigt, manche wurden von ihnen sogar in die falsche Richtung geschickt – und in der Rüstungsindustrie.
Am 27. September 1941 wurde der adelige Protektor durch einen jungen forschen Recken abgelöst. Der kannte nur eine Methode, um den Widerstand der Untermenschen zu brechen: Mord. Am 28. September wehten auf der Burg der Hauptstadt bereits die Todessstandarten der Eliteeinheit, deren Leiter der Recke war. Am selben Tag führte er das Standrecht ein und unterschrieb sogleich 100, vielleicht 200 Todesurteile. In den nächsten Wochen pendelte sich der Henker bei 20 bis 30 Todesurteilen pro Tag ein. Fotos und Namen der Ermordeten wurden zur Abschreckung auf roten Plakaten in den großen Straßen der Hauptstadt affichiert.
Laut stenographischen Protokollen verkündete der Henker während eines Geheimtreffens in einem Palais, das später zum Sitz des Außenministerium werden sollte: „Dieses Gebiet hier wird in Zukunft ein deutsches sein, in dem der Tscheche schließlich und endlich nichts mehr zu suchen haben wird!“
Des Henkers Plan: Durch Röntgenbilder und anatomische Untersuchungen soll die Bevölkerung diagnostiziert und nach der Diagnose in zwei Gruppen eingeteilt werden. Die eine höherwertige Gruppe wird eingedeutscht, und die andere? – „Die müssen weg, im Osten ist genug Platz!“ – Am 4. Feber 1942 wird der Henker konkreter: „Jene, die zur Eindeutschung nicht fähig sind, schicken wir möglichwerweise nach der Öffnung weiterer Gebiete in die Gegend des Eismeeres, wo sie in den vorgesehenen Konzentrationslagern eine ideale Heimstätte finden werden.“

2. Die Vorbereitung
Im September 1941 trafen sich auf einer doch relativ fernen Insel zwei Generäle: Der Befehlshaber einer Spezialeinheit des Inselheeres, der SOU (Special Operations Execition) und der Verteidigungsminister der Exilregierung der Untermenschen. Dabei faßten sie den Beschluß, aus der auf der Insel stationierten Exilarmee Freiwillige zu rekrutieren und sie zu Fallschirmspringern auszubilden. Nach der Ausbildung sollten sie hinter der Front in ihrer Heimat abgesetzt werden, um Spezialaufgaben auszuführen: Kontakte mit lokalen Widerstandskämpfern knüpfen und Sabotageakte organisieren.
Tatsächlich wurden insgesamt ungefähr 150 Fallschirmspringer auf diese Weise abgesetzt. Manche wurden schon in der Luft abgeschossen. Andere wurden von der Staatspolizei der Herrenrasse aufgespürt und im Gefecht erschossen, andere wurden gestellt und begingen Selbstmord. Lebend fiel keiner in die Hände der Staatspolizei. Den wenigsten gelang es, solange in der Illegalität auszuharren, bis das Reich der Herrenmenschen in Trümmern ging. Und einige der Fallschirmspringer wurden von der Staatspolizei umgedreht und agierten für sie als Spitzel.
Bald nach dem September 1941 wurde auf der fernen Insel der Entschluß gefaßt, auf den Henker durch Fallschirrmspringereinheiten ein Attentat zu verüben. Eingeweiht in die Aktion war der Präsident der auf der Insel agierenden Exilregierung, später wurden ihm die für das Attentat vorgesehenen Freiwilligen auch persönlich vorgestellt.
Ausgewählt wurden ein Slowake und ein Böhme, sie sollten am 10. Oktober fliegen. Der Böhme verletzte sich beim harten Training und wurde durch einen aus Mähren stammenden Soldaten ersetzt, der Start mußte auf Monate verschoben weden.
Am 29. Dezember 1941 startete auf dem Flugplatz Tangmore der Inselhauptstadt ein Flugzeug mit drei voneinander unabhängigen Gruppen. Zur Gruppe „Anthropoid“ gehörten der Slowake und der Mann aus Mähren; die Gruppe „Silver A“ sollte den Funkkontakt mit der Exilarmee mittels des im Gepäck befindlichen Senders „LIBUŠE“ aufnehmen, zu ihr gehörte unter anderem ein nur 1,65 großer Blonder. Die dritte Gruppe „Silver B“ konnte nach der Landung nicht weiter in die Geschichte eingreifen.
Die Slowake und der Mähre landeten außerhalb der Hauptstadt. Sie übernachteten bei Vertrauensleuten, nie länger als ein paar Tage, dann wechselten sie das Quartier. Sie hatten gefälschte Ausweise und gefälschte Krankenscheine, die sie als arbeitsunfähig auswiesen. In der Hauptstadt angekommen sondierten sie erst das Terrain. Einige Pläne wurden verworfen: Attentat im Zug, Attentat in der Privatresidenz des Henkers. Auf folgenden Plan einigten sie sich: Bei der morgendlichen Fahrt zum Dienstsitz auf der Burg mußte der Schofför bei einer Serpentinenkurve abbremsen. Hier soll es passieren.
Wie in einem billigen Kitschroman verliebte sich der Slowake in die Tochter einer Familie, die ihm Unterschlupf gewährte. Die beiden verlobten sich, nach Kriegsende wollten sie heiraten, die Brautmutter gab den Segen.
Weitere Teilnehmer am Attentat waren der Kommandant, der am 28.März im Rahmen der Operation „Out distance“ via Fallschirm abgesetzt wurde: ein fähiger Stratege und glänzender Organisator. Mit dem Kommandanten waren fünf weitere Männer gelandet; einer von ihnen sollte sich als ihr späterer Verräter entpuppen.
Wie alle großen Attentate der Geschichte bestand auch dieses Attentat aus einer Serie von Pannen.
Am 27. Mai 1942 nähert sich relativ spät, um 9 Uhr dreissig, der offene Mercedes des Henkers besagter Kurve. Der kleine Blonde gibt mit einem reflektierenden Spiegel das Zeichen. Der Kommandant läuft bei der Kurve über die Straße, der Fahrer muß scharf bremsen. Der Slowake wirft den Mantel weg und richtet das Maschinengewehr auf den Mann neben dem Schofför. Der Mähre neben ihm greift vorsichtig in seine Aktentasche. Kurz treffen einander – zum ersten Mal in ihren Leben – die Blicke der beiden Männer und der Blick des Henkers.

3. Die Personen
Vom Henker wurden etwa zehn bis zwölf Fotos gesichtet. Auf jedem Foto steckt er in der Uniform der Todesschwadronen. Auf keinem Foto lacht er oder lächelt er.
1904 wurde er in Halle an der Saale geboren. Von klein auf begeisterte er sich für Uniformen und Befehle. Nach dem ersten Weltkrieg trat er einem Freiwilligenkorps bei, später wechselte er zur Marine. Er war nicht nur ein Herrenmensch, er sieht auch so aus: groß und blond, sportlich und durchtrainiert, der blonde Todesengel. Er hat das Gesicht eines Raubvogels, der die Beute wittert, oder eines Bluthundes, der bereits beim Zuschnappen ist.
Auf den Militärausweisen kann man die Gesichter des slowakischen und des mährischen Soldaten erkennen.
Der Mähre hat ein sehr rundes, gutmütiges, ruhiges Gesicht, aus dem die Backenknochen leicht hervorstehen. Er kann – wie Zeitzeugen aussagten – keinem Menschen etwas zuleide tun, wahrscheinlich nicht einmal einem Tier. Er kommt aus einer bäuerlichen Familie, hat erst in einer Ziegelei in Mähren gearbeitet, dann als Landarbeiter auf dem Feld, dann wieder in der Ziegelei.
Der Slowake schaut ein etwas lebhafter, fanatischer aus, zu diesem Eindruck tragt vielleicht der überkorrekte Scheitel bei. Er wurde am 8. April 1912 in Poluvsin, Kreis Zilina, geboren, nach der Pflichtschule blieb er mehere Jahre in der Armee, dann arbeitete er als Maschinenschlosser in einer Militärfabrik in Zilina. Am 1. April 1939 mußte er wegen eines in der Fabrik ausgeübten Sabotageaktes fliehen, in Krakau schloß er sich der Exilarmee seiner Heimat an, nach der Eroberung von Polen durch die Herrenmenschen floh er mit seiner Einheit nach Frankreich, nach der Eroberung von Frankreich floh er nach England, dort meldete er sich freiwillig als Fallschirmspringer.
Beide waren politisch eher unbedarft – so meinten sie, der Krieg sei in paar Monaten sowieso zu Ende, bis dahin müssen sie durchhalten. Sie waren sicher keine ideologisch ausgeprägten Anti-Faschisten, auch keine Abenteurer; eher normale Menschen „wie du und ich“, die nichts anderes als ihre Pflicht taten.

4. Das Attentat
Der Slowake drückt ab. Das Gewehr funktioniert nicht. Der für diesen Fall neben ihm postierte Mann aus Mähren nimmt die Bombe aus der Tasche, zündet sie und wirft sie in den Wagen. Um zehn Uhr einunddreißig erfolgt die Detonation.
Der Henker will, bereits getroffen, zurückschießen, vergißt aber, das Magazin in seine Pistole einzulegen. Der Slowake flieht zu Fuß statt wie geplant mit dem Rad, der Schofför des Henkers, selbstverständlich ein Oberscharführer der Eliteeinheit, verfolgt ihn und will auf ihn schießen; doch irrtümlich drückt er auf die Sicherung seiner Pistole; der Slowake rennt – wieder irrtümlich – in den Laden eines Fleischers, der mit den Herrenmenschen symphatisiert; beim Herauseilen trifft er den Oberschenkel des Schofförs und entkommt in der Menschenmenge. Der Mann aus Mähren entkommt mit dem Fahrrad, läßt es jedoch beim Schuhhaus des weltbekannten Schuhkonzerns stehen und taucht in der Menge unter. Und der kleine Blonde wird durch einen Schuß verletzt, den möglicherweise der Schofför abgefeuert hat, doch auch ihm gelingt die Flucht.
Der Henker wird ins Krankenhaus Bulovka geliefert: eine große Wunde im Brustbereich.
Eine Woche später, am 4. Juni, stirbt der Henker. Das Bulletin: „Der Tod ist infolge Beschädigung lebenswichtiger parenchymatischer Organe durch Bakterien bzw. Gifte eingetreten, die zugleich mit den Splittern in den Körper eindrangen…“
In der fernen Reichshauptstadt: der Große Diktator brüllte&tobte&schrie. Er wünschte, daß sofort 10.000 Untermenschen ermordet werden. Der bestellte Nachfolger ließ halbstündig im Rundfunk verkünden: „Auf die Ergreifung der Täter wird eine Belohnung von zehn Millionen Kronen ausgesetzt. Jeder, der den Tätern Unterkunft oder Hilfe gewährt bzw. Kenntnis von ihren Personen oder Unterkünften hat und es nicht zur Anzeige bringt, wird mit seiner ganzen Familie erschossen.“ Dazu erfolgten Ausgangssperren sowie die Schließung von Gasthäusern und Theatern. Im Schuhgeschäft des großen Weltkonzerns am Hauptplatz wurden in der Auslage das Fahrrad und die Aktentasche ausgestellt.
Die Ermordung von 10.000 Untermenschen konnte der Nachfolger seinem Großen Diktator wieder ausreden. Dafür gab es Großrazzien, an denen Sicherheitsdienst, Staatspolizei und normale Armeeeinheiten mitwirkten.
Das Ergebnis: 2 Landstreicher, 1 Prostituierte und 1 Jugendlicher wurden der Polizeidrektion übergeben.
Drei Wochen erpreßten, folterten und mordeten die Herrenmenschen. Sie machten Dörfer der Untermenschen dem Erdbeben gleich und erschossen die männliche Bevölkerung, auch die Knaben. Das Resultat: Nichts. Sie kannten weder die Namen der Attentäter noch ihr Aussehen.
Da erschien am 16. Juni bei der Sonderkommission der Staatspolizei der Verräter: Hilfsarbeiter, wohnhaft bei seinen Eltern in Trebon, selbst Fallschirmspringer, am 28. 3. mit fünf anderen Agenten, unter anderem mit dem Kommandaten, gesprungen. Er gab zu Protokoll, daß er die Aktentasche kenne, er nannte den Namen des Slowaken. Und er äußerte den Verdacht, daß der zweite Attentäter der beste Freund des Slowaken sei, und er nannte den Namen des Zweiten. Und er ließ das Netz der Konfidenten hochgehen.
Das Versteck der Attentäter war ihm nicht bekannt, das wurde von einem der verhafteten Konfidenten nach der Folterung verraten.
Der Verräter erhielt einen neuen Namen, einen neuen Paß, er heiratete eine Frau der höherwertigen Rasse, und er steckte die zehn Millionen ein.
Nach dem Ende des Reiches der Herrenmenschen und der Proklamation der Republik wurde er 1947 zum Tod am Galgen verurteilt und kurz darauf hingerichtet.

5. Die Aktion
Am 18. Juni um 4 Uhr 15 begann die Aktion. Sicherheitsdienst und Staatspolizei umstellten die Kirche, die sie Karl-Borromäus-Kirche nannten, die Einheimischen nannten sie Cyrill-und -Method-Kirche.
Auf dem Chor hatten sich der Kommandant mit zwei seiner Männer verschanzt. Den Herrenmenschen gelang es erst nicht, die drei Männer auszuschalten. Dabei beschossen versehentlich Einheiten des Sicherheitsdienstes die Einheiten der Staatspolizei und umgekehrt.
Nach drei Stunden fielen vom Chor keine Schüsse mehr. Einer der drei war tot, die anderen waren schwer verwundet und starben kurz darauf.
Der Nachfolger marschierte vor der Kirche auf und ab und brüllte&tobte&schrie, wie er es vom Großen Diktator gelernt hatte. Schließlich wollte er die Männer lebend.
In der Krypta der Kirche waren noch weitere vier verschanzt, unter ihnen der Slowake und der Mähre. Die Krypta war nur durch einen Ventilationsschacht mit der Außenwelt verbunden. Der Nachfolger befahl den Einsatz von Tränengas – erfolglos. Er befahl, die Krypta unter Wasser zu setzen – erfolglos. Der Nachfolger befürchtete, daß die Attentäter über das Kanalnetz entkommen könnten und ließ alle Ausgänge und Abflüsse bewachen. Er schob den Kaplan der Kirche vor, der ihnen zur Aufgabe riet, andernfalls werde er erschossen. Die Attentäter gaben nicht auf, der Kaplan wurde erschossen.
Der Nachfolger brüllte&tobte&schrie, daß selbst der Große Dikator seine Freude gehabt hätte. Er ließ Freiwillige durch den Schacht hinunter – sie kamen mit zerfetzten Beinen wieder zurück. Er ließ einen als Sarkophag dienenden Stein am Boden der Kirche sprengen und entdeckte Stufen, die zur Krypta führten. Doch alle Männer, die er hinunterschickte, blieben auf den Stufen liegen oder kehrten schwer verletzt zurück.
Gegen Mittag – also nach sieben bis acht Stunden seit Beginn der Aktion – hörte er in der Krypta vier Schüsse. Dann war Stille.
Wie die Behörden ermittelten, war den vier Männern die Munition ausgegangen. Mit den letzten vier Kugeln begingen sie Selbstmord.

Epilog 1
Die Namen der Attentäter und des Henkers, in alphabetischen Ordnung: Josef Bublik, Josef Gabc’ik, Reinhard Tristan Heydrich, Jan Hruby, Jan Kubis‘, Adolf Opalka, Jaroslav S’varc, Josef Valc’ik.

Epilog 2
Die Witwe des Henkers bewohnte bis zu ihrem Tod eine Luxus-Villa auf der Ostsee-Insel Fehrmarn. Von der Bundesrepublik erhielt sie eine hohe Witwenrente, vom Sozialgericht in Schleswig wurde ihr 1965 eine Rentennachzahlung von 12.000,- DM zuerkannt.

P.S. Das dazu passende Internetogramm erstellte ich mit Hubert Giracek.

Der Gubernator

Freilich war Awerkin der Kopf hinter der Aktion. Er hatte dem Gubernator vorgeschlagen, die Papiere auf den Markt zu werfen und den Käufern die überhöhten Zinsen zu garantieren. Da er den Leiter der Bankenaufsicht kannte – beide starteten im selben Oblast in der Parteijugend ihre Karriere -, so könne man die Gewinne leicht ins Ausland schaffen. Der Bankenchef wollte erst 30 Prozent, – Jugendfreunde sind auch nicht mehr das, was sie dereinst waren. Awerkin mußte ihn erst erinnern, daß des Bankenchefs Vorgänger auf eher ungeklärte Weise ums Leben kam, da ging sein Jugendfreund auf die bisher üblichen 15 Prozent hinunter.
Erfolgshungrig blickte Awerkin zum Gubernator. Dieser hatte die engsten Mitarbeiter zu einer Konferenz in seine Datscha geladen. Von einem der unzähligen Porzellanteller nahm er ein Stück Blinnie und schob es in den Mund. Als er aus einer der unzähligen moldawischen Portweinflaschen sein Glas nachfüllte, nickte er Awerkin zu. „Nimm den Portwein“, raunte er seinem jungen Berater zu. „Du wirst ihn am Abend in der Sauna sowieso herausschwitzen.“
„Ich muß noch etwas ausrechnen!“ lehnte Awerkin ab und griff nach einem der zarten Sirniki. „Hab ich meine Berater zum Rechnen oder zum Feiern!“ feixte der Gubernator zu seinem zweiten Mann, zu Suslow. „Mit dem in der Tasche kann ich mir das Feiern leisten“ feixte Suslow zurück und deutete auf seine Pistole, die er locker in seine Hosentasche gesteckt hatte.
Awerkin nahm das nächste Stück der ausgezeichneten Sirniki. Immerhin, seine Chancen standen im Moment nicht schlecht. Für diesen Deal hat er vom Gubernator keinen einzigen Dollar verlangt, auch keine Mark und keine France, und er wird auch in Zukunft bei seiner Devise bleiben: Stets für den Gubernator! Dafür hat ihm der Chef den Posten für die Energieversorgung im Oblast vesprochen. Und ein lukrativer Job im Ölgeschäft – das kann heutzutage Millionen von Dollars, aber das kann auch ein sehr kurzes Leben bedeuten.
Als Awerkin ausrechnete, wieviel Papiere er mit seinem monatlichen Einkommen als Gasschef im Oblast kaufen könnte, ehe ihn irgendwelche Banditen umlegen werden, da griff der Gubernator nach seinem klingelnden Telefon in der Rocktasche. „Kostev, was ist!“ brüllte er ungehalten, denn Kostev, Chef seiner Securityteams, hatte die strikte Order erhalten, die Konferenz nicht zu stören.
Als er den Hörer wieder in die Rocktasche zurückschob, starrte er ein paar Sekunden ausdruckslos über die Gläser. Dann griff er beinahe etwas entrückt mit der rechten Hand nach der Hühnerkeule auf dem Tablett. „Draußen stehen sie, die Banditi von der Gasfront. Sie wollen uns fertigmachen“ , flüsterte er und riß mit den Zähnen ein zartes Fleischstück aus dem Schenkel heraus.
„Die Gasfront? Die können uns nicht fertigmachen“, behauptete Suslow.
„Sie können, die Banditi“, setzte der Gubernator fort. „Sie haben die Papiere zusammengekauft, wie, das weiß ich nicht. Und sie wollen morgen punkt neun alle, ich sage alle Papiere einlösen.“
„Wenn sie herkommen, so wollen sie etwas anderes“ analysierte Awerkin. „Die Papiere können sie einlösen, da brauchen sie nicht herkommen“.
„Meine Herren, Ich glaube, ich habe etwas vergessen zu sagen“, murmelte der Chef und warf den abgenagten Knochen auf das Tischtuch. „Sie sind mit Pistolen gekommen“.
„Mit Pistolen?“ murmelte Suslow zurück.
„Ja, mit so Dingern, wo vorne Schüsse rauskommen, wenn man den Finger nach hinten zieht“, antwortete der Gubernator. „Das heißt, sie wollen gar nicht mit uns handeln.“
Es war ruhig geworden in der Datscha. Das Licht der tiefstehenden Herbstsonne tauchte die Birken vor dem Fenster in sattes gelbes Licht, schwarz fielen die langen Schatten der Birkenstämme auf die Wasserlacken vor der Datsche, unergründlich schien die Tiefe der dunklen Wasserlacken. Oben am klaren Himmel hinterließ ein Flugzeug einen Kondensstreifen.
Nach den Schrecksekunden wollte der Gubernator beweisen, daß er wieder Herr der Dinge sei, und er beförderte mit einem kräftigen Fußtritt den Tisch zur Seite, die Portwein- und Wodkagläserrutschten kippten und rollten vom Tisch hinunter, ein Portweinglas drehte sich scheppernd ein paarmal um die Achse und blieb ein paar Zentimeter vor der Tischkante liegen.
„Verdammt noch einmal, es muß jemand raus, um zu verhandeln“ brüllte der Chef. „Und wer soll da hinausgehen“? fragte Awerkin. Sofort genierte er sich für diese unqualifizierte Frage. „Ich denke, mein Freund Awerkin wird hinausgehen“, wandte sich der Chef zu ihm. „Du bist erstens strategisch flexibel, zweitens hast du mir die Geschichten mit den Papieren engebrockt, jetzt mußt du sie auch auslöffeln“. Erneut griff er mit der Hand nach der Keule und riß mit den Zähnen einen Brocken Hühnerfleisch heraus.
„Was hab ich mit der Gasfront zu tun?“ fragte Awerkin, und auch diese Frage war an Albernheit nicht mehr zu überbieten.
„Wir haben keine Zeit, um über so etwas sensibles wie persönliche Verantwortung zu debattieren“, kürzte der Gubernator die Debatte ab. „Willst du eine Waffe!“ fragte Suslow.“
„Und wenn sie mich umbringen?“ Die Frage von Awerkin klang wie die eines blutjungen Amateurs, der es nicht schaffte, den Ernst der Situation zu erfassen.
„Glaubst du, unsere Leute werden fürs Zuschauen bezahlt?“ konterte der Gubernator. „Da, nimm ein paar Blinnie mit.“
Wassilij stand auf, steckte sich drei Blinnie in die Rocktasche, blickte ausdruckslos zum Gubernator, und der Gubernator blickte ausdruckslos auf Awerkin. Als dieser zur Türe eilte, steckte der Chef die nächste Hühnerkeule in den Mund.
Vor der Datscha parkten der Fleetwood, mit dem der Schofför ihn vom Flughafen abgeholt und zur Datscha gebracht hatte. Die tief stehende Sonne blendete, und Awerkin mußte den Handrücken über die Augen halten, um klar sehen zu können. Weiter vorne auf der Straße, die zum Parkplatz führte, erblickte er Kostev, den Chef der Securities, mit seinen Männern. Sie waren hinter Fichten verschanzt und hielten die Maschinenpistolen nach vorne gerichtet.
Awerkin deckte mit beiden Händen die Sonne ab, um das Terrain zu durchsuchen, auf dem sich die Banditi der Gasfront befinden mußten. Doch gegen die tiefen Sonnenstrahlen konnte er kaum genaue Konturen erkennen.
Als der erste Schuß fiel, huschte er schnell hinter einen Fichtenstamm und blinzelte aufmerksam nach vorne. „Hau ab, schnell!“ brüllte Kostev, doch Awerkin wußte nicht, ob er damit einen der Banditi oder ihn selbst gemeint hatte. „Verschwinde!“ Vorne krachten mehrere Schüsse, ein paar Hunde bellten, ein Mann fluchte.
Awerkin wollte erst einmal aus der Schußlinie zu sprinten. Nach drei vier Schritten versank sein rechtes Bein im Sumpf, und als er sich im ungepflgten Dickicht eines Fichteswäldchens auf einer bemoosten Kuppe ins Trockene rettete, stellte er fest, daß er Hose und Schuhe getrost der Winterhilfe spenden konnte.
Gut. Er atmete tief durch und überdachte seine Situation. Soll er nach Kostev rufen? Am Ende hören ihn die Banditi, weil er seine Stimme ja nicht für Kostevs Empfänger codieren könne. Oder soll er auftragsgemäß den Kontakt mit den Banditi suchen, um mit ihnen über die weitere Vorgangsweise zu beraten? Und wenn sie ihn dabei erschießen?
Ach was, es ist doch viel sicherer, ohne weitere Kontaktaufnahme erst einmal zurück zur Datscha zu hetzen. Also los. Nach etwa 100 Meter stellte er jedoch fest, daß er die Richtung verfehlt hatte. Keine Spur von der Trasse des Weges oder vom Parkplatz.
Er lehnte sich an einen Birkenstamm. Da fiel ihm auf, daß beide Hosenbeine völlig verdreckt waren. Irgendwo auf seiner Stirne mußte er zudem verletzt sein, da ein paar Blutstropfen langsam über seine Wange kollerten. Awerkin griff in die Rocktache nach dem Handy, um mit dem Gubernator zu sprechen. Der soll doch sofort einen Suchtrupp losschicken, schließlich wird es schön langsam immer dunkler, und er hatte keine Lust, die Nacht im russsichen Sumpf zu verbringen.
In der Rocktasche war jedoch kein Handy, sondern die drei Stück Blinnie, die ihm der Chef aufgedrängt hatte, und das Handy lag auf dem Tisch neben dem Portweinglas, das heißt, das Portweinglas ist ja auf den Boden gerutscht, als der Chef mit einem mächtigen Fußtritt den Tisch zur Seite geschoben hatte. Gut, um die linken Hand war wenigstens noch die Uhr gespannt, und mit Mühe konnte Awerkin die Zeit ablesen: 17 Uhr.
Kurz darauf hörte er das Bellen von Hunden. Schneidend hallte das Gebell durch die Birkenwälder, und da Awerkin überzeugt war, daß die eigenen Leute keine Hunde mit sich führten, machte er sich sicherheitshalber wieder auf den Weg.
Was heißt da schon Weg. In der Zwischenzeit waren dichte Nebenschwaden auf die Sümpfe gesickert, am Anfang konnte man noch graue und dünklere Schwaden unterscheiden, nun stopften sich nasse und dicke Schlieren in die Sümpfe hinein, aus denen ab und zu ein dünne Fichtenstämme herausragten. Nach links oder nach rechts? Oder soll er auf einem trockenen Platz einmal abwarten, bis sich die Situation entspannen wird? Was heißt da schon Entspannung! Wenn er nur irgendwo die Lichter eines Bauernhauses sehen könnte. Verdammt, irgendwo muß es doch ein Dorf geben in dieser trostlosen Gegend, oder nicht? Und wieso schickt der Boß keinen Suchtrupp aus? Ach der Boß! Vielleicht spricht der gerade einen Toast, und er bemerkt gar nicht, daß auf dem Platz neben nicht einmal eine Kakerlake mehr sitzt.
Awerkin watete drauflos, manchmal rutschte er auf den Knien, dann hantelte er sich an den Fichtenstämmen weiter. Als er den ersten Stich in der Lunge spürte, hockte er sich neben die mit Wasser gefüllte Reifenspur eines Militärlasters. Der zweite Stich. Trotz der Kälte perlten der Schweißtropfen auf seiner Stirn, auf der Wange mischten sich der Schweiß mit dem dickflüssigen Blut, auch sein Rücken war feucht und glitschig.
Was seine Frau jetzt machen würde? Wahrscheinlich ist sie noch mit den Zeugenaussagen im Fall des Meerestransportministeriums beschäftigt. Dort hatte es vor kurzem gebrannt, und nachher wurde die Feuerwehr beschuldigt, beim Löscheinsatz die Computer aus den Ämtern des Ministriums gestohlen zu haben. Und seine Frau mußte als Feuerwehrjuristin den Polizisten und den Beamten klarmachen, daß die Feuerwehrmänner mit Programmen über das Navigieren im Ozean nicht viel anfangen konnten.
Ob sie mit ihm nach Paris gehen würde? Eher nein, sie war schon zu ansässig hier geworden, und mit der Flexibilität hatte sie ohnedies ihre Probleme. Wahrscheinlich ist es klüger, seine Frau gar nicht zu fragen: „Jetzt bin ich Chef des Ölversorgung im Oblast, ich habe rechtzeitg vorgesorgt, willst du mit mir nach Paris?“ – Sie ist ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko, er traut ihr zu, daß sie auf der Stelle zum Gubernator rennt und ihm erzählt, daß er, Awerkin, sich mit dem Geld nach Paris absetzen wolle. Na gut, so wird er also allein abhaun müssen. Ach Paris! Die hellen Kaffeehäuser am Montmartre, die Ziehharmonika spielenden Musiker am Ufer der Seine, und erst die schönen Frauen im Kostüm von Coco Chanel! Wenn aber nach seiner Flucht der Gubernator seine Frau bedrohen oder erpressen oder aufs Kreuz jagen wird? – Tja, was soll er nun tun?
Auf keinen Fall tief durchatmen. Irgendwas muß er aber tun, er kann sich ja nicht willig dem Grauen fügen, das ringsum ihn immer dichter wird. Vielleicht soll er in seinen Taschen kramen, das hilft ihn zwar auch nicht aus der Patsche, aber er tut wenigstens was. Also gut. In der rechten Rocktasche waren noch immer die drei Blinnie. Immerhin etwas Sinnvolles, die kann man wenigstens essen. In der Hosentasche steckte die Geldbörse mit den Dollarscheinen. Soll er die Scheine zusammenknicken und aus ihnen jene kleinen Schiffchen basteln, die er dann als Dollarschiffe ins nächste Wasser setzen könnte? Und die kleinen rechteckigen Plastikkarten, soll er aus ihnen ein kleines Häuschen bauen und das Häuschen in den bemoosten Morast stecken? Built by American Express? In der linken Hosentasche fand er einen Zettel, den ihn ein Bettler in Nischnij Novgorod geschenkt hatte. „Wer diesen Zettel zerreißt, ist ein Teufel!“ hatte der Bettler hinaufgekritzelt und ein orthodoxes Kreuz dazugemalt. Zermürbt zerknüllte er den Zettel und warf ihn achtlos über die Schulter.
Auf einmal fiel ihm seine Großmutter ein, mit der er damals öfters in den Wald gegangen war, um Holz zu klauben. Den Hund ließen sie damals frei laufen, und beim Nachhauseweg zog er mit der Großmutter den mit Reisig beladenen Handwagen. Einmal schnitzte er aus der Birkenrinde ein Enkelherz, das er der Großmutter zum Geburtstag schenkte, dazu bastelte er einen Flechtenkranz, und die Großmutter trug das Enkelherz als Schutz gegen den Biß der giftigen Spinnen, und in der Nacht sollten die Eulen durch das Birhenherz abgehalten werden, sich in die Großmutterträume zu stehlen. Die Großmutter. Ist sie vor zehn Jahren gestorben? Oder schon vor fünfzehn? Und wo wird sein Enkelkreuz hingekommen sein?
Eigentlich wollte er nicht daran denken, aber jetzt war es da. – Wann wird man ihn hier finden? In zehn Tagen? In fünfzehn Tagen? Wer soll schon hier herumwaten, weit weg von jeder menschlichen Behausung? Zu dieser Jahreszeit gibt es keine Beerenpflücker mehr, und mit dem Hund wird sich auch niemand so tief in die Sümpfe wagen. Wer soll ihn also finden? Und wer wird statt ihm das Geld auf die Seite schaffen und nach Paris abhaun? Doch nicht der Suslow? Dem fehlt doch der nötige Verstand, der kann doch nur mit der Pistole umgehen. Am Ende der Gubernator selber? In Paris?
Nein, weiter, weiter, nicht auf die Stiche in der Lunge achten. Und Awerkin kämpfte gegen das Grauen der dunklen Nacht, bis die Dunkelheit sich seiner bemächtigte und er selber ein winzigkleiner Teil der allumfassenden Dunkelheit wurde.
Als er die Augen öffnete, war es bereits hell.
Er schüttelte benommen den Kopf und ließ den Blick schweifen. Zu seiner Überraschung erblickte er ein Bauernhaus, ein typisches Holzhaus mit drei Fenstern an der schmalen Vorderfront und dem Gemüsegarten rundherum. Awerkin robbte und kroch, bis er auf den Weg gelangte, der zu dem Haus führte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und klopfte an der Eingangstür.
„Du schaust aus!“, sagte der Bauer, als er die Tür öffnete.
Awerkin bat um Einlaß, der Bauern richtete trockene Kleider her und stellte die Teetasse auf den Tisch. „So was Schlimmes“, ezählte er dabei. „Bei einem Fest hier in der Datscha ist dem Gubernator ein Hühnerknochen im Hals steckengeblieben.“
„Dem Gubernator“ fragte Awerkin verwirrt und schüttete heißes Wasser in die Teetasse.
„Freilich, dem Gubernator“, antwortete der Bauer. „Dann haben sie die Rettung gerufen, doch die Rettung hat im Sumpf irgendeinen Defekt gehabt.“
„Ja, Und dann?“ erkundigte sich Awerkin.
„Was und dann. Erstickt ist er, der Gubernator. An einer lächerlichen Hühnerkeule. Der arme Gubernator, hab ich nicht recht?“ fragte der Bauer.
„Ja, der arme Gubernator“ wiederholte Awerkin und trank einen großen Schluck aus der Teetasse.

Aus: Beppo Beyerl, „Verbrechen“, Erscheinungstermin 2000, Resistenz-Verlag, Linz

KOLLMITZGRABEN, OKTOBER

1
im toten end of the woodquarter
where the river freezes and the sommer ends
the wind hits heavy on the borderline
remember me wo die Welt aufhört
2
das Wirtshaus ist schon längst geschlossen
auf der Kegelbahn sind Landmaschinen abgestellt
im Glockenturm schlägt keine Glocke mehr
Befestigt ist der Partezettel
Sind längst entschwunden Gottvater, Sohn, der Heilige Geist
am Ufer vertaut war das letzte Boot
im Handgepäck das Brevier mit dem letzten Segen
Sie suchen ihr Heil im besseren Gefilde
Allerdings:
fließt hier die Thaya in die Breite
wenn scharf das Tal nach Norden dreht
verzweigt sind zwei drei Arme in der Sohle
die Bänke voller Sand verlanden
die Strünke jedes Baumes verholzt
Am Brückenkopf hat Nepomuk
zwei Masken auf sein Haupt gespannt
er starrtet bleich zurück
vom Wind zerzaust vom Eis zerbissen
er blicket mild nach vorn
erleichtert ist die Miene
3
tändelnd hüpfend leicht beschwingt
den Berghang hinauf der Sonne entgegen
kleinwinkelig drängen die Häuser
sich türmend und zugespitzt sanft die Dächer
im Dach die geschrägten Fenster
nutzend die Kraft der Sonne
geschlichtet ist sorgend die Holzschar
zur Zierde räkeln die Weinreben an der Wand
nicht Fichten die Buchen säumen den Berghang hinauf
zum Stein aus Granit da ruhet der Pensionist
und blinzelt ins grelle gesättigte Licht seines Herbstes
4
trudelnd fließt die Thaya
sprudelnd fließt die Thaya
drängelnd gluckst die Thaya
sie sputet sich
will sie zurechtkommen
sie hat einen Termin
wen will sie treffen
rechnend mit besseren Zeiten
fließt sie in eine bessere Welt

Aus: Die Thaya, mit Fotos von Andreas Ortag

Blockwart

Vorkommen
Wichtigster Bestandteil des städtischen Altbaus.

Verhalten
Der Blockwart übt die absolute Kontrolle über besagten Altbau sowie dessen terrorverdächtiges Umfeld aus. Dies erreicht er durch visuelle Fernperlustrierung („Röntgenblick“) vom blockwartlichen Fenster aus sowie durch gezielte Kontaktgespräche im Rahmen des Haustratsches. Ergänzend führt er observierende Kontrollgänge mit seinem schäferhündlichen Anhängsel durch.
Der Blockwart dient im Nachrichtendienst der Hausverwaltung (kurz NHV; Nachrichtendienste werden stets abgekürzt, damit die Mitarbeiter sich die Namen merken können). Im Rahmen des NHV hat er die absolute Befehlsgewalt über sein schäferhündliches Anhängsel, das er kraft seiner Intelligenz bereits duzt. Weiters untersteht ihm sein vor dem Haus abgestelltes Fahrzeug, das er stets im wachen Auge behält, da es sonst von böswilligen Elementen eine Bekratzung erleidet.
Zu seinen Agenden innerhalb des NHV zählt die Anschnauzung von ausländischen Werbemittelverteilern mit der Worten „Grrrwuff!“ (Hund) oder „Mirkowegsonstspütsgranada!“ (Blockwart).

Beispiel
Der Blockwart eröffnet seine Observierung mit der These, daß alle anderen Hausbewohner durch die Bank Flittchen und Gauner seien. Daraufhin berichtet die Kontaktperson, wo der Postmann zweimal klingelt und zählt die beklingelten Personen auf. Am Schluß einigen sich die beiden auf die Synthese, daß es das alles unterm Adi nicht gegeben hätte.

Behandlung
Sollten Sie einen Bewohner dieses Altbaus besuchen wollen: Salutieren Sie vor dem Schäferhund und geben Sie dem Blockwart einen Knochen.

Aus: Beppo Beyerl, Gerald Jatzek, Lexikon der nervigsten Dinge und ätzendsten Typen, Knaur, München 1998

Usti nad labem

Der Brückenbauer auf der Beneš-Brücke
Er kann nicht wegtreten, der steinerne Brückenbauer. Er steht an der Zufahrt zur Beneš-Brücke in Ústí nad Labem, hat kräftige Arme, die sich auf einen Stössel stützen, den er zwischen seinen Beinen eingeklemmt hat, und auf seinem Haupt mit den vorspringenden Backenknochen trägt er eine Schirmkappe. Er kann nicht vortreten, dieser proletarische Pontifex, er kann auch nicht zurücktreten, sonst fiele er in die Elbe. Aber er kann zwei Geschichten erzählen.
Die erste handelt vom Leopold Pölzl, in dessen Amtszeit als Bürgermeister besagte Beneš-Brücke errichtet worden. Zur Welt kam dieser Leopold Pölzl 1879 in Niederösterreich, genauer in St. Ägyd am Neuwalde, 50 Kilometer südlich von Sankt Pölten. Wie sein Vater ergriff der Sohn den Beruf eines Feilenmachers, er engagierte sich früh für die Gewerkschaftsbewegung und für die sozialistische Partei, er schrieb journalistische Texte und dichtete feurige Kampfverse auf den Sieg der Arbeiterklasse.
Im Jahr 1913 übersiedelte er nach Aussig an der Elbe, und nach den vier Kriegsjahren war es endgültig aus mit dem Anfertigen von Feilen. Bereits 1920 wurde er mit 41Jahren Oberbürgermeister von Aussig, doch bei der Wahl im Jahr 1923 erhielten die Nazis und die „deutsche Wahlgemeinschaft“ die Mehrheit und einigten sich auf einen betont nationalen Kandidaten. 1931 schaffte es Leopold Pölzl ein zweites Mal, diesmal mit den Stimmen der Tschechen und der Sozialdemokraten. Schade, dass sein Werk „Leben und Kraft durch kommunales Schaffen der Stadt Aussig 1918-1938“ von den Nazis eingestampft wurde, man hätte sicher viele Ähnlichkeiten mit dem „Roten Wien“ entdeckt. Auch im „rudé Ústí“, in „Roten Aussig“, setzte man die Prioritäten auf Wohnbau und Bildung, und die geringe Arbeitslosenrate von nur 3 Prozent war in der unter der Wirtschaftskrise leidenden Region ein Spitzenwert.
Am 9. August 1936 wurde die neue Brücke über die Elbe feierlich eröffnet, sie erhielt auf Vorschlag von Leopold Pölzl den Namen des tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš, die tschechoslowakische Hymne wurde gespielt, als Redner fungierten der Oberbürgermeister von Aussig, der Bürgermeister der gegenüberliegenden Gemeinde Střekov und der tschechoslowakische Arbeitsminister. Bei den Reden wurde stets betont, dass die Brücke nicht nur die beiden Gemeinden, sondern die deutsche und die tschechische Bevölkerung verbinden sollte, und dann durchschnitt Leopold Pölzl ein in der Brückenmitte gespanntes Band.
Das mit der Überbrückung sollte jedoch nicht so leicht gelingen. Der nicht gerade völkerrechtskonforme sogenannte „Münchner Vertrag“ wurde am 30. September 1938 unterzeichnet, in der Folgewoche okkupierten die Nazis die mehrheitlich von Deutschen bewohnten Randgebiete der Tschechoslowakei, auch Aussig zählte dazu. Am 9. Oktober wurde Rudolf Pölzl verhaftet und mit sieben weiteren Gefangenen in eine 10 m2 große Zelle gesperrt. Seine Frau Anna über diese Zeit: „Als mein Mann in die Masaryk-Straße (Sitz des Gefängnisses, B.B.) eingeliefert wurde, versuchte er infolge des Misshandlung bei dem Verhör sich umzubringen, indem er sich die Adern aufschnitt. Dann musste er ins Spital überliefert werden, wo man ihn schlecht behandelte, weil er war durch seine antinazistische Gesinnung bekannt als Verräter des deutschen Volkes, und weil er mit den Tschechen zusammengearbeitet hat. Nach drei Monaten in der Haft wurde mein Mann nach Hause gelassen mit geknickter Gesundheit, weil er viel Blut verloren hatte“.
Für seine Freilassung intervenierte auch der altösterreichischen Adelige und spätere Nationale Rudolf Lodgman, doch Rudolf Pölzl stand weiterhin unter der Aufsicht der Behörden der Nazis. Oft wurde er mitten in der Nacht von der Gestapo zu „Verhören“ abgeholt. Im Sommer des Jahres 1944 war es dann soweit: Wegen der Spätfolgen der Folterungen musste er das Spital aufsuchen, am 1. September starb er an Herzstillstand. Angeblich wurde kurz vor seinem Tod im Krankenbett eine Person gesichtet, die in sein Zimmer schlich und ihm eine Spritze verabreichte. Lapidar wird im Sterberegister sein letzter Wohnort auf Erden angeführt: Konrad-Henlein-Straße 28. Das Begräbnis des ehemaligen Oberbürgermeisters am 4. September sollte geheim gehalten werden. Trotzdem versammelte sich eine Menschenenge zu einer mehr oder weniger verhüllten antifaschistischen Kundgebung. Um weitere Demonstrationen zu vermeiden, versteckten die Nazis seine Urne in einem Massengrab. In den Wirren der Nachkriegszeit schafften es jedoch zwei Sozialdemokraten, die Urne von Leopold Pölzl zu eruieren. Fest steht, dass die Urne im Jahr 1948 ein zweites Mal bestattet wurde, diesmal nicht in Ústí, sondern in Niederösterreich, in Hohenberg, sechs Kilometer nördlich seines Geburtsortes Sankt Ägyd.
Allerdings wurde die Urne später aufgelassen, als Ersatz wurde auf dem Kriegerdenkmal eine Tafel errichtet:
Seine Tochter Elfriede, die entgegen der dem politischen Engagement verpflichtetem Familientradition in Wien auf der Musikhochschule zur Sängerin ausgebildet wurde, agierte bis 1939 an vielen tschechoslowakischen Bühnen. Nach dem Auftrittsverbot durch die Nazis arbeitet sie eine Zeitlang als Schreiberin in einem Baubüro, dann wurde sie ins KZ Buchenwald eingeliefert. Die Befreiung erlebte sie mit einem akuten Nervenleiden. Zusammen mit ihrer Mutter übersiedelte sie nach Wien, ob freiwillig oder erzwungen, kann nicht mehr geklärt werden. Tochter Elfriede wurde jedenfalls auf Anraten eines Arztes und unterstützt von der Seliger-Gemeinde in der psychiatrischen Klinik in Steinhof untergebracht. Ihre Mutter Anna Pölzl starb jedoch in Wien am 4. Mai 1964. Zu diesem Zeitpunkt weilte Tochter Elfriede längst im von Josef Hoffman errichteten Pflegeheim in Purkersdorf. Sie benötigte einen Kurator, der sich auch um etwaige Haftentschädigungen für den Aufenthalt in Buchenwald kümmerte. Dieser Kurator war Leo Zahel, in der Zwischenkriegszeit selbst Funktionär der sozialdemokratischen Partei. Er wurde 1905 geboren in Wagstadt, dem späteren Bílovec, und agierte in der Gegend von Troppau/Opava und Ostrau/Ostrava. Während der Okkupation war er in Brünn bei Sabotageakten beteiligt, musste aber trotzdem 1945 seine Heimat verlassen. Besagter Leo Zahel selbst starb 1963, nun bemüht sich in Wien sein inzwischen 80 jähriger Sohn gleichen Namens, Akten oder Schriftverkehr über die Tochter von Rudolf Pölzl zu sichten.
Soweit zum Thema Brückenbau und dem bislang unterbelichteten Thema „deutscher Widerstand in der Tschechoslowakei gegen die Nazis“, das durch das Aufzählen von Einzelschicksalen erhellt werden kann.
Allerdings muß ich auch eine zweite Geschichte über die Beneš-Brücke erzählen, und die ist ein wenig trauriger.
Am 30. Juli 1945 blieben um 15:33 in einem Waffenlager, das sich auf dem Gelände einer geräumigen Zuckerfabrik befand, die Zeiger der Uhren stehen. Zu diesem Zeitpunkt erfolgte eine gewaltige Explosion, die die gesamte Umgebung im wahrsten Sinn des Wortes erschütterte, der ersten Explosion folgten in kurzen Anständen minutenlang weitere Detonationen. Dabei verbrannten 27 Personen, dazu zählten sieben tschechische Wächter und 20 deutsche Hilfsarbeiter. Weiters wurden über 200 Personen teilweise schwer verletzt.
Das Waffenlager stand in Krasné Březno, ein im Jahr 1920 eingemeindeter Vorort von Ústí nad Labem, ein Ort, den die Deutschen als Schönpriesen bezeichneten. Wollte man damals vom Zentrum von Aussig/Ústí aus den Explosionsherd sichten, so war der direkte Blick zum Munitionslager durch den Marienberg gesperrt. Die Wirkung auf die Bewohner der Stadt muß dennoch gigantisch gewesen sein. Der Himmel im Norden und im Westen stand buchstäblich in Flammen, und niemand in der Stadt kannte die Ursache. Laut krachend nahte die Apokalypse, und keiner hatte eine Ahnung über deren Auslöser. Und bald sollten die ersten Verwundeten in erbärmlichen Zustand wehklagend das Zentrum erreichen.
Kurz nach der ersten Explosion – und geht es mir nicht um die Wahrheit, dieses beliebig deutbare und allseits dehnbare Konstrukt überlasse ich den nationalen Kämpfern, es geht mit nur um abgesicherte Fakten. Also: Kurz nach dem ersten crash begannen in Aussig die Übergriffe auf die Deutschen, die man ja an der weißen Binde am Oberarm leicht erkennen konnte. Interessanterweise erfolgten die wilden Angriffe gleichzeitig an drei verschiedenen Plätzen: Auf der Beneš-Brücke, am Bahnhofs-Vorplatz und am mirové náměstí, dem damaligen Marktplatz, der 1945 noch kriegsbedingt mit einem Löschteich versehen war. Die Attacken erfolgten nach ähnlichem Muster. „Die Deutschen waren es!“ schrie einer. Oder: „Die Deutschen sind schuld!“
Jedenfalls schritten „Svoboda-Leute“, „Svobodovci“, benannt nach dem Verteidigungsminister Ludvík Svoboda, sowie Zivilisten, die zumeist nicht aus Aussig kamen, beherzt an ihr Werk. Erst verprügelten sie die Deutschen, wollten diese flüchten, dann schossen die Angreifer auf sie, metzelten sie mit Bajonetten nieder, warfen sie in den Löschteich am Marktplatz oder in die Wogen der Elbe.
Besonders aktiv in der Lenkung des Volkszorns bewährte sich ein etwa schweißgebadeter, kurz geschorener und gedrungener etwa 50 Jahre alter Mann, der vor dem Bahnhof zunächst deutsche Männer und Frauen mit seinen Fäusten niederstreckte; als er bereits seine Hände ganz wund geprügelt hatte, griff er nach einer Holzlatte, die er auf seinen Opfern zerschlug. Nach seinen Attacken blieben etliche Personen auf dem Pflaster liegen; unklar war, ob diese noch lebten.
Gleichzeitig stellten sich tschechische Zivilisten, vor allem Bewohner der Stadt, dem erregten Volkszorn in den Weg, wollten kalmieren und deeskalieren. Zu ihnen zählte etwa Josef Vondra, der Vorsitzende des „narodní vybor“. Auch auf sie richtete sich der erregte Volkszorn, dem besagter Josef Vondra nur mit der Pistole im Anschlag entrinnen konnte. Ein ihn untertstützender Feldwebel der Tschechoslowakischen Armee rief: „Das Volk eines Masaryks darf nicht die Methoden der Gestapo übernehmen!“ Kurz darauf verhängte Josef Vondra zur allgemeinen Deeskalation das allgemeine Versammlungs- und Ausgangsverbot.
Die Dramatik verlagerte sich immer mehr auf die Beneš-Brücke, da nach dem Schichtwechsel die Arbeiter der am anderen Elbe-Ufer liegenden Fabriken – der Schicht-Werke – zu Fuß in die Stadt zurückkehren wollten. Auch die Deutschen hatten ihre Hetzer. Einer von ihnen – er hieß Georg Schörghuber – schrie andauernd „Heil Hitler“, spuckte auf die Tschechen und lobte die Explosionen in der Munitionsfabrik. Von aufgebrachten Tschechen wurde er in die Elbe geworfen, als er sich am Geländer festklammern wollte, trat man auf seine Hände. Schörghuber schwamm unversehrt ans Elbeufer, wo er von vier Soldaten und zwei Zivilisten gepackt wurde. Ein Soldat erschoss ihn und kramte nach seinen Papieren: Georg Schörghuber, geboren am 18.2. 1914 in Mühldorf am Inn.
Ein zweites Detail: Eine Mutter wurde samt Kinderwagen und dem darin gebetteten Kind in die Elbe geworfen, angeblich biss ihr ein Tscheche noch in den Finger. Nun passierte eine kuriose Geschichte: Beide – Mutter und Kind – landeten auf einem mit Birnen beladenen holländischen Schlepper – und entkamen auf glückliche Weise einem schlimmeren Desaster. Dieses erbauende und zu Herzen gehende Bild – Mutter mit Kinderwagen – sollte in der bald einsetzenden Schlacht um die Deutungshoheit an zentraler propagandistischer Position fungieren.
Wie erwähnt, es geht mir nicht um etwas leicht zu Kippendes oder beliebig Umsetzbares wie die Wahrheit, es geht mir um die überlieferten Fakten. Beim Gemetzel auf der Beneš-Brücke wurden am 31. Juli 1945 in Aussig 17 deutsche Arbeiter ermordet. Das sind um genau 17 deutsche Arbeiter zu viel.
Nach dieser Schlacht auf der Brücke und am mirové náměstí, die ja gegen 18:00 mit dem Ausgehverbot beendet war, erfolgte eine längere, komplizierte und aufwändigere Schlacht: Die Schlacht um die Deutungshoheit.
Ich möchte mit der offiziellen tschechoslowakischen Version beginnen. Und die lautete: Streunende deutsche Banden – die „Werwölfe“ – hätten die Explosion in Krasné Březno verursacht, sie sabotierten den Aufbau des neuen antifaschistischen Staates, also sei der aufgewallte tschechische Volkszorn zu erklären, wenn nicht gar zu rechtfertigen. Zudem könne man durch die fortgesetzten Sabotageaktion der Deutschen bei den zur selben Zeit stattfindenden Verhandlungen in Potsdam – welch auffällige Parallele – um so dringlicher auf die strikte Notwendigkeit zu deren Aussiedlung plädieren.
So etwa äußerte sich Verteidigungsminister Ludvík Svoboda, dessen Soldaten ja zu den Scharfmachern des Gemetzels zählten. Eine Untersuchungskommission mit dem berüchtigten dem Innenministerium zuzurechnenden Stabshauptmann Bedřich Pokorný – er gilt als Organisator des Brünner Todesmarsches – kam zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Deutschen sind selber schuld.
Wenn auch kurz nach dem Massaker etwa von Innenminister Václav Nosek differenzierende Töne zu vernehmen waren, so setzte sich etwa ab dem 3. August 1945 die „Wahrheit“ in der tschechoslowakischen Version durch. Während der Phase des realen Sozialismus wurde diese „Wahrheit“ als kaum hinterfragbar erhalten.
Dagegen stellt sich die Interpretation der sudetendeutschen Landsmannschaften: Dieses Gemetzel, dieses Massaker, dieses Pogrom sei prototypisch für die anti-deutsche Haltung der Tschechen, bei diesem Pogrom bis zu 2000-2700 Deutsche von blutrünstigen Tschechen auf brutale Weise ermordet, vergewaltigt und hingerichtet worden. Und da jede Interpretation und Deutung ein herzeigbares und gleichzeitig erschütterndes Bild benötigt, wird immer wieder die Mutter mit dem Kinderwagen in den Mittelpunkt der Mystifizierung gestellt.
Hat man nun ein Progrom mit bis zu 2700 unschuldigen Ermordeten künstlich hergestellt, dann schafft man es auch im Handumdrehen, die zahlreichen Verbrechen, die die Deutschen an den Tschechen ab dem „Münchner Vertrag“ 1938 begangen haben, zu relativieren und zu beschönigen.
Daß es auch ohne den unentwegten Kampf um die Deutungshoheit und damit um den Streit um weitere Machtpositionen geht, zeigen viele Organisationen, Ämter und Vereine in Ústí nad Labem, beweisen gemischt besetzte historische Kommissionen – auch wenn deren nüchterne Ergebnisse in der medialen Öffentlichkeit noch vom bombastischen Geschrei der Landsmannschaften übertönt werden.
Wie schon gesagt, es gibt keine Wahrheit, aber eine Indizienkette, und es gibt ein paar kleine einzelne Miniaturwahrheiten, und die möchte ich jetzt erwähnen.
Zu den Indizien. Das Munitionslager in Krasné Březno ist sicher nicht von versprengten Werwölfen gesprengt worden, sondern von Verbänden des tschechoslowakischen Verteidigungsministeriums. Eine brenzlige und abenteuerliche Abwandelung dieser Annahme besteht in der Vermutung, dass die tschechischen Wächter des Munitionslagers geraucht und getrunken, also höchstwahrscheinlich mit Feuer hantiert haben.
Jedenfalls wurden in Aussig sofort durch gezielt postierte Provokateure die Deutschen als Urheber der Explosionen bezichtigt – zu einem Zeitpunkt, wo man in der Stadt weder über Fakten noch über Interpretation der Ereignisse in Krasné Březno verfügen konnte.
Ob die dann einsetzende Ermordung der Deutschen strategisch geplant war oder situativ im aufwallenden Volkszorn entstand, lässt sich kaum klären. Klären lässt sich die Anzahl der Toten. In Aussig wurden 23 oder 24 Personen registriert – der wachhabende Stabsoffizier führt 23 abtransportierte Leichen an, das Einäscherungsbuch verzeichnet jedoch 24 Eingeäscherte. Zu ihnen zählte auch der von den tschechischen Behörden als Antifaschist anerkannte deutsche Sozialdemokrat Brainl aus Prödlitz, Monteur bei der Firma Brönner, der 4 Jahre lang im KZ gelitten hatte. Bei den Ereignissen am 31. Juli wurde er skalpiert, dann wurden Schüsse auf ihn abgefeuert. Wobei laut Dr. Jiři Rödling vom Masaryk-Krankenhaus in Ústí nad Labem insgesamt 17 Darmdurchschüsse erfolgten.
Zu den bisherigen Toten muß man noch jene Leichen zählen, die in der Elbe flussabwärts trudelten und irgendwo in Sachsen an Land geschwemmt wurden. Die eingesetzten Kommissionen zählten alle Leichen am Unterlauf der Elbe zusammen und kamen zum Schluß: Die Gesamtzahl der Toten beträgt zwischen 42 und 100. Die Unschärfe lässt sich dadurch erklären, weil einige der mitgerechneten Toten möglicherweise an Typhus starben oder durch andere Ursachen verunglückten und nicht dem Massaker von Aussig zugerechnet werden können.
Um auf die Beneš-Brücke zurückzukommen: Petr Gandovolic, im Jahr 2005 Oberbürgermeister von Ústí nad Labem, später Agrarminister, enthüllte am Geländer der Beneš-Brücke folgende zweisprachige Tafel – hier der deutsche Text: „Zum Gedenken an die Opfer der Gewalt vom 31. Juli 1945“. Der Beschluß wurde im Stadtrat einstimmig gefasst.
Die Landsmannschaften wagen sich nur zögernd über die Brücke: Ihr schändlicher Name Most Edvarda Beneše muss geändert werden, weil der Beneš immer der Schuldige sei, beim Gedenksspruch fehle der Hinweis auf die deutsche Abstammung der Opfer, und überhaupt müssen die Beneš-Dekrete…
Und nun tritt wieder der Brückenbauer in die Geschichte ein. Er greift mit der Linken nach dem Stössel, mit der Rechten schiebt er die Kappe weit in den Nacken und wischt sich den Schweiß von der Stirne. Wird die Brücke die beiden Völker verbinden?

Copyright © 2017 Beppo Beyerl